Geschichte
Ein paar Geschichten zum Namen Lillith.
- Lillith die erste Frau.
- Die Göttin Lilith oder auch genannt die Schwarzmondin.
Lillith die erste Frau
Jüdische Feministinnen verwenden gern die alte Form des Midrasch,
um ihre Anliegen zu formulieren. Besonders um die Gestalt
Liliths, der ersten Frau Adams (nach einer Interpretation des
ersten Schöpfungsberichts), kreisen solche neuen Midraschim
gern. Der folgende Midrasch übernimmt Elemente der alten
Erzählungen um Lilith. Er schreibt aber auch den bekanntesten
feministischen Midrasch weiter, Judith Plaskows „Das Kommen
Liliths".
Am Anfang schuf Gott Adam und Lilith aus dem Staub der Erde und
blies ihnen den Lebensatem ein. Da sie beide gleich erschaffen
worden waren, waren sie einander in jeder Hinsicht
gleichgestellt. Adam, als Mann, passte dies nicht, und er
verlangte von Lilith, dass sie sich ihm unterordne. Lilith
weigerte sich, rief Gottes heiligen Namen an und flog weg.
Sofort beklagte sich Adam darüber bei Gott. Gott schickte drei
Boten zu Lilith, um sie zur Rückkehr zu Adam aufzufordern. Sonst
werde sie bestraft. Lilith aber wollte nicht mit einem Mann
zusammenleben, der sie nicht als Gleichgestellte behandelte, und
sie beschloss, dort zu bleiben, wo sie war.
Als Ersatz für Lilith „baute" (banah, 1. Mose 2. 22) Gott für
Adam eine zweite Frau aus Adams Seite: Eva, die nun nicht mehr
gleich wie Adam „erschaffen" (jazar, 1. Mose 2. 7), sondern als
„eine Hilfe ihm gegenüber" „gebaut" wurde. Während des
Schöpfungsprozesses wurde so, entgegen Gottes ursprünglichem
Schöpfungsplan, die Frau verkleinert – so wie dies auch beim
Mond gegenüber der Sonne geschehen war (Chullin 60 b).
Adam und Eva waren zunächst glücklich miteinander. Mit der Zeit
aber verspürte Eva gelegentlich Fähigkeiten in sich, die
unentwickelt blieben, und Adam begann sich mit der angepassten
Eva zu langweilen. Immer häufiger träumte er von Lilith, und
eines Tages überstieg Adam, als Eva gerade am Kochen war, die
Mauer des Gartens Eden, um Lilith zu suchen. Er dachte, ihr
fehle sicher der Mann, sodass er sie leicht zu seiner Nebenfrau
machen könnte. Als er Lilith fand, war sie gerade mit dem
Studium der Tora beschäftigt – nicht unserer Tora aus Tinte und
Pergament, sondern der mit schwarzem Feuer auf weisses Feuer
geschriebenen Ur-Tora, die auf Gottes Knie ruht. Auch Adam
studierte gelegentlich die Ur-Tora, und er gab vom Gelernten an
Eva das weiter, was ihn für sie gut dünkte und ihm nützte.
Lilith freute sich über Adams Besuch, da sie hoffte, mit ihm
zusammen die Tora studieren zu können. Aber es störte Adam, dass
sie gleich viel oder teilweise noch mehr wusste als er, und er
weigerte sich, mit ihr zu lernen. Statt dessen versuchte er,
Lilith zu seiner Nebenfrau zu machen. Als ihm dies nicht gelang,
kehrte er zu Eva zurück. Nun begann er immer intensiver von
Liliths unerreichbarer Schönheit zu träumen. Eva aber erzählte
er (indem er die Situation umkehrte), dass Lilith nachts zu ihm
geflogen komme, um ihn zu verführen. Sie sei eine Dämonin und
mit dem Satan liiert.
In Wahrheit aber interessierte sich der Satan weniger für die
starke und gelehrte Lilith als für die angepasste und
frustrierte Eva, der er Schlechtes über Lilith erzählte. Auch
plante er die Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden.
Eva war empfänglich für das Böse, das der Satan von Lilith
erzählte, und sie glaubte auch Adams verdrehte Geschichten über
Lilith.
Inzwischen machte Lilith, die völlig allein war, hin und wieder
den Versuch, in die menschliche Gemeinschaft im Garten
zurückzukehren. Nach ihrem ersten vergeblichen Versuch, die
Mauern zu durchbrechen, verstärkte Adam die Mauer, und Eva half
ihm sogar noch dabei. Dabei erhaschte Eva einen Schimmer von
Lilith und sah, dass sie eine Frau war wie sie.
Jetzt hätten bei Eva eigentlich Zweifel aufkommen sollen, ob die
Geschichten Adams und des Satans, Lilith sei eine Dämonin,
wirklich stimmten. Sie hätte sich eigentlich bemühen sollen,
Lilith als andere Frau, als Schwester wirklich kennen zu lernen.
Eva und Lilith hätten so gemeinsam die Verkleinerung der Frau
wieder rückgängig machen, damit den ursprünglichen
Schöpfungsplan verwirklichen und die Erlösung herbeiführen
können. Sie hätten dabei die Unterstützung Gottes gehabt, da
Gott wachsende Probleme mit Adam hatte, der sich mehr und mehr
mit Gott identifizierte und immer mächtiger wurde.
Doch das Gift, das Adam und der Satan Eva eingespritzt hatten,
war stärker. Statt sich zu fragen, was sie in ihrem Leben und in
ihrer Beziehung zu Adam ändern müsste, um aus ihrer
Unzufriedenheit herauszufinden, stilisierte sie sich (zumal sie
inzwischen einen Sohn geboren hatte) zu einer Art rundum
glücklichen Muttergöttin hoch, wozu Adam sie auch noch
ermunterte. Gleichzeitig blickte sie voll Verachtung auf die
gelehrte Lilith, die Gleichstellung mit Adam wollte. Sie
dichtete Lilith alles Böse an, das sie in sich selbst verspürte
und das dem strahlenden Bild, das sie sich von sich selbst
machte, widersprach.
Als Eva eines Tages der Gartenmauer entlangspazierte, sah sie
einen jungen Apfelbaum, den sie und Adam einst gepflanzt hatten
und dessen Zweige über die Mauer hinüberhingen. Sie kletterte
hinauf und schaute über die Mauer. Drüben hatte Lilith auf
diesen Augenblick gewartet und kam voll Freude zu Eva, in der
Hoffnung, in ihr eine Schwester zu finden. Eva jedoch wollte nur
die Gelegenheit benützen, um alles Dunkle in sich auf Lilith zu
laden und sie damit in die Wüste zu schicken. Sie warf Lilith
alle Verleumdungen an den Kopf, die ihr Adam und der Satan über
Lilith eingeflüstert hatten, und beschimpfte sie als ehrgeizige
Egoistin, die nicht bereit sei, sich für Adam aufzuopfern, und
die nicht geduldig warten konnte, bis Adam ihr gewisse Dinge zu
tun erlaubte. Lilith wandte Eva enttäuscht den Rücken zu und
ging weg.
Seither wartet Lilith jedes Jahr, wenn die Zeit von Rosch
Haschana, dem Geburtstag der Schöpfung, und von Jom Kippur, dem
Versöhnungstag, herannaht, darauf, dass Adam und Eva zu ihr
kommen, um sich mit ihr zu versöhnen, damit sie gemeinsam die
Verkleinerung der Frau rückgängig machen und so den
ursprünglichen Schöpfungsplan verwirklichen und die Erlösung
herbeiführen können. Die Söhne Adams und die Töchter Evas und
Liliths tragen den Zwiespalt zwischen den ersten Menschen bis in
unsere Zeit weiter. Bis heute werden Liliths Töchter weiter
ausgegrenzt. Die Zeit von Rosch Haschana und Jom Kippur wäre ein
guter Zeitpunkt, um dies zu überdenken und sich zu versöhnen –
und um den ursprünglichen Schöpfungsplan endlich zu
verwirklichen.
^^
Schwarzmondin
Herrin des dreifach sich wandelnden Lichts, deren Form die Erde
ist, bei Tag und bei Nacht, und dennoch fließt um dich herum der
ewige Ozean du Göttin, so still und doch ständig in Bewegung.
Mond, Schwesterselbst und dreifacher Aspekt des Dreifachen,
Jungfrau, Schöpferin und weise Alte.
Du, die du die Erde bist, der Mond und das Meer, Allmutter, du
hast mich gemacht. Aus Deinen dunklen Knochen, aus Natur und
Fleisch, aus kristallklarem Wasser und dem ruhigen Atem des
Windes, diese kamen von dir und sind jetzt mein, ewiger Geist,
gehüllt in Zerbrechlichkeit.
Und doch ruht jenseits davon endlos
ein Licht, das aus dem Sternensamen fiel. Göttin des Lebens, der
Liebe und des Paradoxes, Hüterin der Schlüssel zu allen
Schlössern der Mysterien, des Himmels und der Erde,
bitte antworte mir: Wer bin ich?
Die Göttin Lilith oder auch genannt die Schwarzmondin.
^^